Angesagt mit langem Anlauf also war diese Winter-WENDE, was nichts anderes heißen konnte als Veränderung, Umkehr, ja gut: auch Wachstum – im Bestfall. Aber eben vielleicht auch einfach W E N D E, andersherum: in Form unvorhersehbaren Unglücks oder einem Konfrontiert-Sein mit dem Unkontrollierbaren. Als gelernte Teilzeit-Pöllingerin meine ich das Fingerspitzengefühl der hier Beteiligten mittlerweile ganz gut zu kennen und hatte sicherheitshalber meine Antennen aufgestellt. Edgar-„Er-spielt-so-ziemlich- jedes-Instrument-das-mit-Luft-zu-tun-hat“-Unterkirchner hatte sich für diesen Abend den Liedermacher und Pianisten Simon Stadler (genialer Schneeflocken-Anzug, Bro!) und die Sängerin Sabine Neibersch (Halleluja!) eingeladen. Als sich die drei dann mittels Musik auf den Weg machen, wird mir eines glasklar – eben darum geht es. „Am Weg sein, egal was kommt“.
Ach ja. Das hätte ich wohl vorab erwähnen sollen – derlei Erkenntnisanfälle können in Pölling jederman/frau passieren. Auch das andere Weihnachten – keine ANTI-Weihnacht, wohlgemerkt! Obwohl das Programm der Winterwende nicht besinnlich-offensiv daherkommt, sondern wunderbar „Laut und Luise“. Am Ende wird es ein Wild Christmas (auch emotional!) mit doch einigen der schönsten Weihnachtsmelodien gewesen sein. Wären im Vorfeld Wetten abzuschließen gewesen, ich hätte meine Kohle nicht auf Michael Jacksons „Man in the Mirror“, Prince' „Purple Rain“, ein Udo Jürgens Medley oder Elton Johns „Yellow Brick Road“ gesetzt. Vielleicht am ehesten noch auf Leonard Cohens „Halleluja“. Und auch den Satz: „Was für ein Glück, welche Bereicherung für Kärntens Kultur, dass sich Edgar Unterkirchner einst gegen Boston und für Pölling entschieden hat“, denke ich mir jetzt nur.
Dafür wiederhole ich an dieser Stelle gerne laut Edgars Bekenntnis, sich immer auf Augenhöhe mit dem Publikum zu fühlen („Die Bühne dient nur dazu, für alle sichtbar zu sein“). Dass Sabine Neibersch dieselbe Menschenmenge später noch zum Mitsingen und Mitschnippen bringt, passt hervorragend zum „It feels like home-Feeling“ dieses Konzerts. Vielleicht besonders für jene Menschen im Publikum, denen die eigene Familie nicht das zu Hause ist, das sie sich wünschen – gerade jetzt, zu Weihnachten. Einer Zeit der zu großen Erwartungen, auch an sich selbst. Hier in der Kirche von Pölling weiß ich es dann plötzlich wieder, bin mir sicher: Wir können, wir dürfen ein anderes Zuhause für uns finden – auch in und mithilfe der Musik. Wir dürfen das Dunkle hinauslassen, um Energie zu bekommen „für das Helle in sich“. Zugegeben, kein ganz einfaches und sicher auch kein immer lustiges Unterfangen. „Ohne Wachstumsschmerzen“ (Simon Stadler) passiert da rein gar nichts. Aber egal, wie gut wir unsere Herzknoten im Alltag verschlossen zu halten im Stande sind – die richtige Melodie funktioniert nach dem „Schlüssel-Schloss“-Prinzip. Sie knackt uns, wie der Nussknacker aus Holz die Walnuss – ganz locker eben.
Und da ist es dann auch wieder, das Wunder von Pölling: Die nicht selten nach Konzerten oder Theaterabenden erlebte Erleichterung, dass es jetzt dann doch ganz gerne wieder vorbei sein darf, kehrt sich auch an diesem Abend wieder einmal um. Das Publikum will nicht gehen, diese Zeitkapsel im Kirchenraum einfach nicht verlassen. Edgar-„Ich-trage-meine-Converse-auch-im-Winter“-Unterkirchner versucht es daraufhin tatsächlich mit dem leise-verzweifelten Satz: „Draußen ist´s ja auch super“. Und er hat ja auch völlig Recht: Schwedenfeuer, guter Wein. Zusammenstehen, reden. Alles menschliche Wollen und Hoffen ist im Grunde dasselbe. Wir wollen einander finden in der Begegnung. So oder so.
Meine W I N T E R W E N D E war: Trauer um jene, die wir verloren haben für immer. Aber auch hoffen dürfen auf das Neue – auf alles, was noch kommt. Ein „Weast mei Liacht ume sein“. Und das Beste überhaupt: Für Weihnachten war endlich wieder einmal Schnee vorhergesagt.