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Winterwende II

Bereits bei den beiden Winterkonzerten 2024 war erlebbar, dass zwei Konzerte mit dem selben Programm nicht automatisch auch idente Erlebnisse sind. Auch 2025 zeigt sich, dass in Pölling jeder Abend einzigartig ist:

Lag es am mystischen Nebel, der an diesem Abend um den Pöllinger Kirchturm wabert oder an den bereits am Vortag angekündigten hohen Schuhen von Sabine Neibersch, die es Edgar Unterkirchner leichter machen sollten, mit ihr buchstäblich auf Augenhöhe zu musizieren? Man weiß es nicht. 

Wahrscheinlich spielt aber der Umstand eine große Rolle, dass jeder Abend für Kultur am Berg ganz individuell entwickelt wird. Im Gegensatz zur Pop- und Kulturmaschinerie, die daran arbeitet, möglichst gleichförmige, wiederholbare Events anbieten zu können, hat jeder Beitrag zu Kultur am Berg seinen ganz eigenen Charakter und da ist auch jede Menge Raum für die persönlichen Stimmungswelten, die Künstler mit hier auf den Berg bringen oder der Atmosphäre, die sie in diesem besonderen Kirchenschiff atmen.

Wie auch immer: Das Zusammenspiel von Sabine Neibersch, Simon Stadler und Edgar Unterkirchner ist wie am Vorabend geprägt von reichlich Spaß am Musizieren und allseitigem Respekt und Sympathie füreinander. Simon Stadler improvisiert virtuos am Klavier gemeinsam mit Saxophonist Edgar Unterkirchner. Sabine Neibersch beeindruckt mit ihrem Stimmumfang vom Kärntnerlied über Elton Johns “Goodbye Yellow Brick Road” bis hin zu “Purple Rain” von Prince. 

Mit dem Gedicht “All I Want for Christmas” von Clara Lösel bringt Simon Stadler dann auch noch vorweihnachtliche, konsum- und gesellschaftskritische Nachdenklichkeit auf den (Heim-)weg. Der wiederum wird aber von den meisten erst nach ausgiebigem Winternachts-Tratsch mit Punsch und Brötchen an den Feuerstellen am Pfarrplatz angetreten…

War dieser Abend besser oder schlechter als der davor? Weder noch: einfach nur anders,

 

Winterwende oder Angst vor der Schneearmut

von Johanna von Polan

Was habe ich mich vor diesem Konzert gefürchtet!

Ein ganzes Jahr ging das nun schon so. Jetzt, im Rückblick, kann ich es ja zugeben. Schon beim ersten Anblick des Jahresprogramms fiel es mir unangenehm auf, dieses Wort – W E N D E – und war mir seither in regelmäßigen Abständen überfallsartig-unangenehme Mahnung: DU kannst dir – in Nichts – sicher sein. „Im Winter ist nichts verborgen, alles Verhüllte fällt weg, selbst die Bäume werden macht- und schutzlos“, wie KaB-Obmann Josef „Seppi“ Raß in seiner Ansprache vor dem Konzert an diesem 21. Dezember sagt. Dafür werden die Wege – auch die Holzwege – umso deutlicher.

Angesagt mit langem Anlauf also war diese Winter-WENDE, was nichts anderes heißen konnte als Veränderung, Umkehr, ja gut: auch Wachstum – im Bestfall. Aber eben vielleicht auch einfach W E N D E, andersherum: in Form unvorhersehbaren Unglücks oder einem Konfrontiert-Sein mit dem Unkontrollierbaren. Als gelernte Teilzeit-Pöllingerin meine ich das Fingerspitzengefühl der hier Beteiligten mittlerweile ganz gut zu kennen und hatte sicherheitshalber meine Antennen aufgestellt. Edgar-„Er-spielt-so-ziemlich- jedes-Instrument-das-mit-Luft-zu-tun-hat“-Unterkirchner hatte sich für diesen Abend den Liedermacher und Pianisten Simon Stadler (genialer Schneeflocken-Anzug, Bro!) und die Sängerin Sabine Neibersch (Halleluja!) eingeladen. Als sich die drei dann mittels Musik auf den Weg machen, wird mir eines glasklar – eben darum geht es. „Am Weg sein, egal was kommt“. 

Ach ja. Das hätte ich wohl vorab erwähnen sollen – derlei Erkenntnisanfälle können in Pölling jederman/frau passieren. Auch das andere Weihnachten – keine ANTI-Weihnacht, wohlgemerkt! Obwohl das Programm der Winterwende nicht besinnlich-offensiv daherkommt, sondern wunderbar „Laut und Luise“. Am Ende wird es ein Wild Christmas (auch emotional!) mit doch einigen der schönsten Weihnachtsmelodien gewesen sein. Wären im Vorfeld Wetten abzuschließen gewesen, ich hätte meine Kohle nicht auf Michael Jacksons „Man in the Mirror“, Prince' „Purple Rain“, ein Udo Jürgens Medley oder Elton Johns „Yellow Brick Road“ gesetzt. Vielleicht am ehesten noch auf Leonard Cohens „Halleluja“. Und auch den Satz: „Was für ein Glück, welche Bereicherung für Kärntens Kultur, dass sich Edgar Unterkirchner einst gegen Boston und für Pölling entschieden hat“, denke ich mir jetzt nur. 

Dafür wiederhole ich an dieser Stelle gerne laut Edgars Bekenntnis, sich immer auf Augenhöhe mit dem Publikum zu fühlen („Die Bühne dient nur dazu, für alle sichtbar zu sein“). Dass Sabine Neibersch dieselbe Menschenmenge später noch zum Mitsingen und Mitschnippen bringt, passt hervorragend zum „It feels like home-Feeling“ dieses Konzerts. Vielleicht besonders für jene Menschen im Publikum, denen die eigene Familie nicht das zu Hause ist, das sie sich wünschen – gerade jetzt, zu Weihnachten. Einer Zeit der zu großen Erwartungen, auch an sich selbst. Hier in der Kirche von Pölling weiß ich es dann plötzlich wieder, bin mir sicher: Wir können, wir dürfen ein anderes Zuhause für uns finden – auch in und mithilfe der Musik. Wir dürfen das Dunkle hinauslassen, um Energie zu bekommen „für das Helle in sich“. Zugegeben, kein ganz einfaches und sicher auch kein immer lustiges Unterfangen. „Ohne Wachstumsschmerzen“ (Simon Stadler) passiert da rein gar nichts. Aber egal, wie gut wir unsere Herzknoten im Alltag verschlossen zu halten im Stande sind – die richtige Melodie funktioniert nach dem „Schlüssel-Schloss“-Prinzip. Sie knackt uns, wie der Nussknacker aus Holz die Walnuss – ganz locker eben. 

Und da ist es dann auch wieder, das Wunder von Pölling: Die nicht selten nach Konzerten oder Theaterabenden erlebte Erleichterung, dass es jetzt dann doch ganz gerne wieder vorbei sein darf, kehrt sich auch an diesem Abend wieder einmal um. Das Publikum will nicht gehen, diese Zeitkapsel im Kirchenraum einfach nicht verlassen. Edgar-„Ich-trage-meine-Converse-auch-im-Winter“-Unterkirchner versucht es daraufhin tatsächlich mit dem leise-verzweifelten Satz: „Draußen ist´s ja auch super“. Und er hat ja auch völlig Recht: Schwedenfeuer, guter Wein. Zusammenstehen, reden. Alles menschliche Wollen und Hoffen ist im Grunde dasselbe. Wir wollen einander finden in der Begegnung. So oder so. 

Meine W I N T E R W E N D E war: Trauer um jene, die wir verloren haben für immer. Aber auch hoffen dürfen auf das Neue – auf alles, was noch kommt. Ein „Weast mei Liacht ume sein“. Und das Beste überhaupt: Für Weihnachten war endlich wieder einmal Schnee vorhergesagt.

Video

Gedicht “All I Want for Christmas” von Clara Lösel
Vorgetragen und am Klavier untermalt von Simon Stadler und am Saxophon begleitet von Edgar Unterkirchner.